Colmar Berg - (Die Alte Dame und ihr Erwachen) Deutsche Historische Meisterschaft VfV 14.-15.05.2016


Zwölf Jahre nach dem Classic Bol d’Or in Magny – Cours hatte mein Freund Martin die alte Dame EGLI Kawasaki aus dem Altersheim geholt und wieder in Schwung gebracht. Vor allem die vorher stämmigen kurzen Beine nebst Schuhwerk hatten eine Verjüngungskur bekommen; die Original Magnesiumfelgen waren auf Bruchlasten getestet und noch für einwandfrei eingestuft und lackiert worden, die 35er Gabel hatte er mit modernerem Innenleben ausgestattet und der Motor bekam eine Frischzellenkur = Totalüberholung mit vielen Neuteilen im Innenleben. Das Schuhwerk wurde erneuert – was für eine Wohltat gegenüber den alten Schlappen. Ihre roten Klamotten aus den Siebzigern, hatten ein paar unschöne Altersflicken, aber so eine kräftige Farbe war durchaus wieder zeitgemäß.

Klaus D. aus Durmersheim stellte die Gemischwerkstatt ein und maß auf seinem Prüfstand 122 PS am Hinterrad. Das war denn mal ein Wort und eine Leistung wie vor 15 Jahren mit den Original Yoshimura – Teilen.

Nun ist ein 66 Jahre altes Hirn noch fast genau so jung wie mit 54 und wiegt vermutlich auch noch das gleiche, aber der Körper des Fahrers hatte seinen eigenen Weg genommen. Irgendwie scheint dann auch noch Leder durch Feuchtigkeitsverluste beim Altern zu schrumpfen – mein alter Kombi wollte meinem Bauch und der immer noch so wenig behaarten Brust permanent Frischluft zuführen.

Am Ende nahm ich den fast identischen Anzug meines Filius, der gleichzeitig mit mir vor 12 Jahren aufgehört hatte, aber – wie sich das bei gut genährten jungen Leuten so gehört – damals nicht nur knapp einen Kopf größer war, sondern auch mein heutiges Gewicht hatte.

Martin sorgte mit unserem betagten Wohnmobil (die Wanderdüne) für den Transport und war pünktlich in Colmar- Berg. Nur nicht auf der Rennstrecke. Die gehört zu einem Teil des Goodyear Werksgeländes im Norden des kleinen Ortes – ist natürlich jedem bekannt (der schon mal dort war), aber man kennt dort keine Hinweisbeschilderung. Nun hat man ja Internet – dachten wir. Kurz vor Luxemburg hatte sich die Smartphone – Navigation bei Martin verabschiedet mit dem freundlichen Hinweis „off road“. Und das auf einer Autobahn. Jedenfalls kennen wir nun Werk I, II und III – vielleicht gibt’s noch mehr - von Goodyear (im Süden, Westen, Osten) von außen und auch einen Teil des Personals an den Werkstoren. Zu guter Letzt fand sich auch das Prüfgelände.

Der Wetterbericht war geprägt von einer Dame namens Sophie. Diese hatte keine positive Haltung zu Männern und zeigte jedem die kalte Schulter. Eine Eisheilige, die uns nachts an die Frostgrenze und Martin an den Rand des Erfrierens brachte. Man muß natürlich auch mal den Versuch machen die Gasheizung in Betrieb zu nehmen und vielleicht einen Reservepullover mitnehmen. Wie dem auch sei, den Freitag mit zwei freien und einem gezeiteten Pflichttraining blieb es trocken = (Alaska/Nürburgring ohne Schnee).

Wir schafften immerhin fünf Runden im ersten und eine im zweiten freien Training. Wir dachten: das ist der Benzinhahn, den hat der alte Sack mit der Wade versehentlich halb geschlossen und deswegen bekam der brave Kawa – Motor eine Sprachstörung. Er stotterte erbärmlich. Fehler gefunden, Fehler behoben – der Logopäde hatte aber nichts geschafft: der Sprachfehler war beim zweiten Training immer noch da.

Nun ist die Schaffung neuen Lebens ein Akt, bei dem nichts schief gehen sollte. Einer alte Dame nach so langer Zeit das Laufen wieder bei zu bringen bedeutet nicht nur Frischzellen bei dem Laufapparat plus Gehwagen, sondern auch der Herzschrittmacher muß aufgepeppt werden. Was so eine Dyna Zündung lebendig macht, ist eine ununterbrochene, hochwertige Zufuhr von Elektrizität. Wenn dann ein Draht lose sitzt, hat das Herz Rhythmusstörungen. Klemme festgeklemmt und was für eine Überraschung: Die alte Dame EGLI Kawaski lief – nein sie rannte wie in alten Zeiten.

Vielleicht war’s der Paule mit seiner 1000er Laverda (DHM X 22) und 25 Jahren ununterbrochener Teilnahme an der Deutschen Historischen Meisterschaft (er ist auch sehr fotogen-siehe Bilderserie beim VfV Veteranen Fahrzeug Verband), der ihr Beine machte. Er versuchte mehrmals in aller Öffentlichkeit Kontakt auf zu nehmen, kam drei Mal auf dem Schlängelweg im Park vorbei um sich in Schönheit (und Schnelligkeit) zu zeigen und blieb in der Quali 1,5 Sekunden vor ihr. Fünf andere Kavaliere auch.

Ältere Frauen neigen zum Starrsinn. So auch die alte Dame EGLI. Für den ersten Wertungslauf nahm sie sich am Samstag mehr vor. Luxemburgisch Alaska blieb weiterhin relativ trocken.

Paule – und ein paar andere – hatten sich schick gemacht und zeigten sich wieder von ihrer flotten Seite. Irgendwie platzte ihr dann der Kragen. Nachdem der hartnäckige Laverda – Verehrer zum zweiten Mal die Überrundungslage im Geschlängel mit breitem Grinsen nutzte, bremste sie ihren Gehwagen am Ende der langen Geraden abrupt ab, zeigte ihm die rote Karte und marschierte von dannen. Die immer flotter werdenden Zeiten führten zwar nicht mehr bis ganz nach vorne, aber so, wie sie mit ihrem Laufwägelchen - davon zweimal mit Kurzregen - über die gerade Hauptstraße fegte, war sie in ihrem Element.

Als No. 6 in der Gleichmäßigkeit, aber mit der zweitschnellsten Runde in ihrer Klasse X und als Dritte an der Fahne, war sie bei hoher Hüftsteife und mehr als 210 Kg Gewicht ganz zufrieden. Leider ist in ihrem Alter an Abnehmen nicht mehr zu denken.

Fazit: Wenn man ältere Damen so aus dem Altersheim holt, blühen sie gelegentlich auf. Nur dieser alte Benzinhahnverdreher sollte mal abschlanken!

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